Der Verein wird zum kalten Schatten

Eigentlich sollte dieser Blog ruhen*. Vor mehr als acht Jahren startete Blog36. Unser Selbstverständnis war vom ersten Tag an, das Geschehen rund um den KSV aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Mal waren wir kritisch, mal albern, oft politisch. Immer haben wir versucht, konstruktiv zu sein und so „offene und transparente Vereinsstrukturen mit einer Kultur der Wertschätzung und des Respekts“ zu fördern. Ehrlichkeit vor Erfolgsmaximierung; diesen Grundsatz teilen wir bis heute. Deswegen schreiben wir wieder.

Heute, im Herbst 2024, ist die Stimmung rund um den KSV am Tiefpunkt. Vieles beim KSV hat sich in den vergangenen acht Jahren verändert, nicht alles zum Guten. In dieser Zeit gab es eine Insolvenz, einen Abstieg, eine Pandemie, einen Aufstieg am Grünen Tisch, vier Trainer. Das vorweg: Dieser Beitrag soll kein Beitrag zur aktuellen Trainerdiskussion sein. Er soll den Blick richten auf Probleme, die aus unserer Sicht ins derzeitige Tal der Tränen geführt haben. Es geht um Realismus, Identität und Perspektiven.

Realismus.

Geld schießt keine Tore, aber kein Geld ist auch Scheisse. Seit der Insolvenz wähnte sich das Löwenrudel bei diesem Thema in ruhigeren Gefilden. Auf der Mitgliederversammlung 2023 ließ der scheidende Finanzvorstand Swen Meier Revue passieren und zeigte eine kontinuierliche Etatsteigerung über die vergangenen Jahre auf – die Ausgaben haben sich in dieser Zeit nahezu verdoppelt. In Kombination mit dem neu installierten sportlichen Führungsduo Sören Gonther/Ingmar Merle schien der weitere Weg ausgemacht. Mehr Geld, mehr Erfolg – Aufstieg. Von dieser Vision ist nichts mehr übrig.

Der für 2026 anvisierte Platz an der Sonne wurde vom Trainer aufgrund der wirtschaftlichen Situation für nicht machbar erklärt. Was einige schon geahnt haben – schließlich wurde Gonthers vermeintlicher Drei-Jahres-Plan nie mit Leben gefüllt, sofern es ihn überhaupt je gab – ist für andere eine enttäuschende Erkenntnis. Die Lücke von konservativ geschätzt einer bis zwei Millionen Euro zu den Topklubs der Liga wird sich ohne Großsponsor, weiterhin ausbleibendem Rückhalt aus der Region und einer fast geschenkten DFB-Pokal-Teilnahme nicht schließen lassen. Vielleicht sind wir doch mehr TuS Koblenz als FC Homburg oder Kickers Offenbach, die sich an weitaus fetteren Töpfen bedienen können. Dort wird zwar seit Jahren Geld verbrannt, das große Ziel aber bislang auch nicht erreicht. Der Weg nach oben ist also kaum planbar, unter den aktuellen Kasseler Bedingungen letztlich auch völlig unrealistisch.

Zu schnell haben sich viele rund um den KSV auf der vermeintlichen Fahrt nach oben zurückgelehnt. Doch die blanke Brust, die Transferperiode und Tabellenplatz 14 haben auch den Letzten wachgerüttelt. Angesichts finanzieller Engpässe steht die Frage im Raum, ob der Expansionskurs bei der Etatplanung für die Saison 2023/24 überhand genommen hat. Hinzu kommen wieder rückläufige Besucherzahlen und eine defizitäre Vorsaison 2022/23. Nun gilt es, mit dieser schwierigen Situation umzugehen. Mal wieder, mögen jetzt einige sagen. Wie es wirklich um die Finanzen steht, wird sich auf der bevorstehenden Mitgliederversammlung Ende November zeigen. Für Freunde der blumigen Versprechungen wird die zu erwartende Ehrlichkeit womöglich ein harter Tag werden.

Dieser notwendige wirtschaftliche Realismus hat zur Folge, dass der eingeschlagene sportliche Weg und mit ihm die Erwartungshaltung hinterfragt werden müssen. Bislang ist kein nachhaltiger Mehrwert gegenüber der unter Tobias Cramer ausgerufenen bodenständigen Regionalität erkennbar. Die sportliche Leitung wird beantworten müssen, ob, wie und warum daran festgehalten werden soll. Denn der aktuelle Kurs kostet auch an anderer Stelle vieles von dem, was den KSV über die vergangenen Jahre ausgezeichnet hat und was kein Geld dieser Welt kaufen kann.

Identität.

Die dritte Pleite in der Vereinsgeschichte hatte einen, über Jahre anhaltenden positiven Effekt. Der Verein und die Akteure im Umfeld rückten so eng zusammen, dass zwischen die geschlossenen Reihen kein Blatt Papier mehr passte. Trotz, Leidensfähigkeit, Hoffnung und Zusammenhalt machten aus uns eine eingeschworene Gemeinschaft. Auch in der Hessenliga zog man zusammen durch die Dörfer. Hessen Kassel, das war für ein paar Jahre nicht der Verein, die Ultras, die Mährköppe, die Spieler. Hessen Kassel war ein verschworener Haufen, der zusammen feierte, weinte und auch mal stritt. Der Verein und sein Fortbestand standen dabei über allem.

Davon ist in den vergangenen Wochen nicht mehr viel zu spüren. Die letzte Serie wurde nach der Entlassung von Tobias Damm letztlich doch zufriedenstellend und in weiten Teilen auch ansehnlich zu Ende gebracht. Zwar war schnell klar, dass Alexander Kiene nicht der hemdsärmelige Typ wie Tobias Damm oder Cramer ist. Doch er zeigte auch, dass er eine klare Spielidee hatte, mit der er erfolgreich zu sein schien. Nachdem diese Idee von mehreren Gegnern zerrissen und im Umfeld den Rückhalt verloren hatte, blieb oft der Eindruck von theoretischer Phrasendrescherei und dem Fremdeln mit der nordhessischen Provinzialität. Wir sind arm, aber weder sexy noch bodenständig. Zugute halten muss man Kiene allerdings auch, dass er es gemeinsam mit der Mannschaft geschafft hat, gegen den FSV Frankfurt endlich eine Reaktion auf dem Platz zu zeigen und er sich für mehr Kommunikation mit dem Umfeld offen zeigt. 

Die emotionale Bindung zwischen Klub und seinen Anhängern hat in den vergangenen Monaten vieles davon eingebüßt, was den KSV lange ausgezeichnet hat. Das liegt auch am sportlichen Leiter Gonther. Mit viel Vorschusslorbeeren gestartet, wirkt er noch nicht richtig angekommen beim KSV. Zwar hat er als Profi selbst bei Klubs mit großer Historie und emotionalen Fanszenen gespielt, als Funktionär wirkt er in der Außendarstellung doch eher kühl und vor allem von sich selbst überzeugt. Die besonderen Mechanismen beim KSV muss auch er endlich erkennen und aufgreifen. 

Dass der Sportdirektor in der Presse von Hassbotschaften spricht und sich die HNA später gezwungen sieht, diese Aussage zu korrigieren, spricht Bände. Doch auch die zu hoch gewachsene und letztlich enttäuschte Erwartungshaltung verhindert seit Wochen den eigentlich notwendigen Rückhalt für die neu zusammengestellte, junge Mannschaft. War der einsame und peinliche Motzki am 1. Spieltag in Mainz ein böser Vorbote von dem, was dann passierte? Es folgten Pfiffe zur Halbzeitpause, „Trainer raus“-Rufe und ein 90-minütiger Stimmungsboykott von Block 30 gegen den FSV Frankfurt.

Ultras sind wild, seit fast 20 Jahren der Garant für Atmosphäre im Auestadion und niemandem Rechenschaft schuldig. Die Frage, ob der unverdiente Rückstand gegen den FSV mit Emotion, Gesang und Kampf auch auf den Rängen nicht hätte gedreht werden können, darf dennoch gestellt werden. Da die geforderte Trainerentlassung wohl vorerst ausbleibt, bleibt unklar, wie es an dieser Stelle jetzt weiter gehen soll. 

Jüngst in sich zusammengefallene Brücken müssen von allen Seiten schnellstens wieder aufgebaut werden. Wenn sich alle noch weiter voneinander entfernen, droht Gleichgültigkeit das Vakuum zu füllen. Zusammenhalt ist für den KSV alternativlos.

Perspektive.

Ein beliebter Thread im Forum trägt alle Saisons wieder den Namen „Perspektive“, ein anderer heißt „Zukunft, Marketing, Sinnlosigkeit“. Zwar kommen auf den vielen Seiten leider nur selten sinnstiftende Beiträge zustande, doch die Diskussionen drehen sich um Fragen, mit denen der KSV seit Jahren ringt. Kurzfristig braucht es Punkte, die aus Einsatz auf dem Platz und den Rängen erwachsen können. 

Mittelfristig sind die Fragen nicht so leicht zu beantworten. Wohin will der KSV, wohin kann er? Der Rückhalt aus der Region, insbesondere von den finanzstarken Akteuren, ist ein Witz. Tausendfach wurden die Namen derer genannt, die sich wegducken. Die Hoffnung, dass sich seriöse Arbeit, gesellschaftliches Engagement und eine emotionale Anhängerschaft irgendwann in einem regionalen Sponsorenkollektiv auszahlen – für den Arsch? Der KSV lebt von einer Hand voll treuer Gönner, die den Löwen im Herzen tragen. Allen voran Jens Rose, der seit Jahren das finanzielle Rückgrat des Vereins bildet und ohne den es in vielen Momenten wohl weitaus düsterer ausgehen hätte.

Was also folgt daraus? Einen neuen, erfolgreicheren Fußballverein suchen? Das dürfte für kein Löwenherz infrage kommen. Muss sich der KSV also wieder gesundschrumpfen und müssen die Strukturen wieder auf ein nahezu vollständig ehrenamtliches Gerüst heruntergebrochen werden? Kann die für den KSV passende Balance zwischen Kostenbewusstsein, punktuell-strategischer Professionalisierung, regionaler Talentförderung und gezielten externen Verstärkungen (!) gefunden werden? Wer kann und will sich ergebnisoffen mit Wegen der Ausgliederung wie beispielsweise in Ulm oder der Vergemeinschaftlichung wie bei St. Pauli auseinandersetzen?

Das sind die großen Fragen, die endlich durchdacht und modelliert werden müssen. Man kann kein höheres Ziel ausrufen, wenn das operative Handeln nicht konsequent an der Realität ausgerichtet wird. Wir haben genügend Erfahrungswerte darin gesammelt, wie es nicht geht – und tun das womöglich immer noch.

Ein Fußballkonsument erwartet, dass all das im Hintergrund passiert, er samstags seine Show geboten bekommt und er dann befriedigt die Sportschau gucken kann. So läuft es aber nicht, wenn man ein klammer Regionalligist ist. Also wo sind die Engagierten, die die hoch belasteten ehrenamtlichen Strukturen an allen Stellen im Verein nachhaltig unterstützen, kreativ sind, Verantwortung übernehmen?

Jeder einzelne, der es mit dem KSV hält, sollte sich jetzt seiner eigenen Rolle bewusst werden und seinen Anteil leisten, die Situation zu verbessern. Das braucht der KSV mehr als alles andere.


*Transparenzhinweis:

Ein Mitbegründer des Blog36 ist im November 2023 von der Mitgliedschaft des KSV Hessen Kassel in den Aufsichtsrat gewählt worden. Dieser Text ist ohne seine Mitarbeit entstanden.

Ein Gedanke zu “Der Verein wird zum kalten Schatten”

  1. Habe in den letzten Wochen sehr gehofft, dass ihr euch mal wieder meldet, da ihr in schwierigen Zeiten oft die richten Worte gefunden habt. So auch diesmal. Ich wünsche mir, dass entscheidende Personen diese Zeilen ebenfalls lesen und verstehen. Und dass ihr aktiv bleibt.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar