In einem bekannten Fußballlied heißt es „Spieler kommen, Spieler gehen“. Meist wird es gesungen, wenn die Lage des eigenen Herzensvereins nicht besonders rosig ist. Das irgendwann für jeden Spieler der Tag gekommen ist, um sich zu verabschieden, liegt in der Natur der Sache.
Doch gibt es auch immer wieder Spieler, die weitaus länger bleiben, als es im Fußballballgeschäft als normal gilt. Auch wenn die Zeiten düster, schier aussichtslos sind. Einer von diesen Spielern heißt Frederic „Freddy“ Brill.
Frederic Brill unterschrieb seinen ersten Vertrag beim KSV Hessen Kassel am 28. Mai 2015, seinem 23. Geburtstag. Mit damals noch vollem Haar wurde der Transfer von Waldhof Mannheim neben Torwart Niklas Hartmann präsentiert. Cheftrainer Matthias Mink erklärte damals, er solle die Lücke im defensiven Mittelfeld nach dem Abgang von Enrico „Enno“ Gaede füllen. Vor elf Jahren war nicht daran zu denken, dass diesem Saarländer die sicherlich großen Fußstapfen von Enno irgendwann selbst zu klein werden würden.
Nur einer, so viel Zeit muss an dieser Stelle sein, ist länger da: Nael „Nacho“ Najjar war vor Freddy und seitdem unterbrochen da, machte in der Zeit aber weniger Spiele für die 1. Mannschaft. Mit keinem stand Freddy öfter auf dem Platz – insgesamt 216 Mal liefen die beiden KSV-Legenden zusammen auf.
Freddy Brills Karriere beim KSV hat viele Höhepunkte und Tiefpunkte erlebt, umjubelte Tore gehörten genauso dazu wie Fehler – und natürlich einer erstaunlichen Zahl an Gelbsperren (eine weitere ist noch drin). Das Portal transfertmarkt.de zählt 99 Gelbe Karten (Stand 6. Mai 2026). Die erste davon holte er sich gleich in seinem ersten Pflichtspieleinsatz ab – beim 2:2 gegen Kickers Offenbach. Gegen keinen Verein hat Freddy öfter gespielt.

Überhaupt waren seine ersten Einsätze im Löwendress rückblickend doch zumindest denkwürdig. Zweites Pflichtspiel: 1. Runde DFB-Pokal gegen Hannover 96 – ein Erlebnis, dass sich in elf Jahren leider nicht wiederholen sollte. Erster Einsatz über 90 Minuten: ein 5:0-Heimsieg gegen den TSV Steinbach Haiger – ausgerechnet dem Verein, gegen den nun sein letztes Heimspiel für den KSV ansteht.
Auf sein erstes Tor musste Freddy deutlich länger warten – das folgte erst am 28. März 2017 gegen das „geile Projekt“ SC Teutonia Watzenborn-Steinberg: „Langer Ball Hartmann auf Lorenzoni, dann zu Schmeero, Ablage zu mir und dann rein“, erinnert sich der Torschütze auch heute noch gut.
Zum Jubeln lief er zu den Löwenfans in der Kurve, die dort auf einer ehrenlosen Blechtribüne an diesem Wetzlarer Sportplatz platziert worden waren.

Doch Freddy Brill hat sich nicht nur mit seinen 307 Pflichtspieleinsätzen (Stand 6. Mai 2026) auf Ewig in die Bücher des KSV Hessen Kassel und die Herzen seiner Anhänger gespielt. Der Rekordspieler ist die Ikone der jüngeren Vereinsgeschichte, ein herausragendes Beispiel für Identifikation mit Verein, Fans und der Stadt und in jeder Hinsicht ein wunderbarer Mensch.
Freddy ist geblieben, als der Verein in die Insolvenz ging und das Gehalt erst gar nicht kam, dann weniger wurde. Er ist geblieben, als sich enttäuschte Fans abgewendet haben und Mitspieler, deren Namen fast vergessen sind, ihr Glück woanders suchten. Er ist geblieben, als der KSV für zwei Jahre in die Hessenliga musste, samt bitterer Tränen auf dem Dorfplatz in Flieden. Er blieb sogar, als ihm die Kapitänsbinde entrissen wurde.

Und er ist ganz sicher immer bis zum Schluss in der Kurve bei den Löwenfans geblieben; bis jedes Fotos gemacht, jede angesoffene Analyse zum Besten gegeben und jede Hand abgeklatscht war. Freddy, das ist seit Jahren gute Tradition seiner Karriere, kam stets als letzter in die Kabine. Denn eines hat Freddy verstanden wie vielleicht kein anderer: „Identifikation ist immer der Schlüssel. Ich habe früh mitbekommen, dass es Menschen gibt, die seit 60 Jahren auf ihrem Platz sitzen. Und ich habe immer versucht, den Verein so zu repräsentieren, wie genau diese Menschen es sich wünschen.“ (HNA-Interview im März 2026)

Jetzt ist für dich an der Zeit zu gehen, mit deiner Frau und deiner Tochter ein neues Leben „in der Heimat“ aufzubauen. Wir sagen: Bei uns wirst du immer zuhause sein. Auch wenn du deinen Vertrag nicht zum neunten Mal verlängern wirst. Für immer Löwe. Danke für alles, Frederic Brill.
